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Worum geht es bei "wir sind jetzt"?
Kinder- und Jugendarmut überwinden – Respekt für Kinder und Jugendliche einfordern.
Hintergründe zur Kampagne „Wir sind jetzt – Jugendverbände für ein gerechtes Aufwachsen ohne Armut“ des Landesjugendrings Rheinland-Pfalz“
Januar 2011
Armut ist ein zentrales gesellschaftliches Problem in Deutschland und in Rheinland-Pfalz, obwohl wir das Glück haben, in einem der reichsten Länder der Erde leben. Das belegte zuletzt 2010 der Reichtums- und Armutsbericht der Landesregierung Rheinland-Pfalz. Von Armut sind auch in Rheinland-Pfalz in besonderem Maße Kinder und Jugendliche betroffen. Das bedeutet für sie häufig: Weniger Geld, weniger Möglichkeiten, weniger Chancen auf Teilhabe, Bildung, Gesundheit, und auf Respekt. Kinder und Jugendliche sind die Zukunft unserer Gesellschaft. Sie alle haben ein Recht auf Förderung, Unterstützung, Anerkennung und Respekt. Als Jugendverbände im rheinland-pfälzischen Landesjugendring fordern wir diesen Respekt für alle Kinder und Jugendlichen im Land ein.
Armut in unserem Land: • Laut Armuts- und Reichtumsbericht der Landesregierung von 2010 sind 14,5% der Menschen in RLP von Armut bedroht. Ihnen stehen weniger als 60% des Durchschnittseinkommens zur Verfügung. • Das Armutsrisiko von Kindern und Jugendlichen ist höher als das von Erwachsenen. Über 18% aller unter-18-Jährigen sind von Armut bedroht. Für ältere Jugendliche zwischen 18 und 25 liegt das Armutsrisiko noch höher – bei 20,5 % - also über einem Viertel der Altersgruppe. • Ursache für Kinder- und Jugendarmut ist stets die Einkommensarmut der Erwachsenen, in der Regel der Eltern. • Die Gründe sind direkt erwerbsbezogen (z.B. Langzeitarbeitslosigkeit, Niedrigeinkommen, prekäre Arbeitsverhältnisse) sowie sozialer Art (Überschuldung, Trennung, Scheidung, Krankheiten, Sucht). • Besonders hohe Armutsrisiken bestehen bei Alleinerziehenden, Familien mit drei oder mehr Kindern, bildungsfernen Familien und Familien in aufzuwertenden Stadtteilen. Alleinerziehende (meist Frauen) sind mit über 44% die am häufigsten von Armut bedrohte Gruppe. • Ab dem dritten Kind steigt das Armutsrisiko deutlich: Rund ein Viertel (24,6%) der rheinland-pfälzischen Familien mit drei oder mehr Kindern ist von Armut bedroht. • Seit der Einführung des ALG II im Jahr 2005 hat sich die Zahl der auf Sozialhilfe oder Sozialgeld angewiesenen Kindern auf mehr als 2,5 Millionen verdoppelt. Heute lebt jedes 6. Kind in Bedarfsgemeinschaften, in denen ALG II bezogen wird. • Internationale Vergleiche sagen aus, dass die relative Kinderarmut in Deutschland seit 1990 stärker gestiegen ist als in den meisten anderen Industrienationen. Die Armutsrate bei Kindern steigt schneller an als die der Erwachsenen, dies drückt sich auch in dem wissenschaftlich angewandten Begriff der „Infantilisierung der Armut“ aus.
Nicht zuletzt dank guter Kampagnen von Wohlfahrts- und Jugendverbänden wurde eine erhöhte Sensibilität für Kinderarmut in Deutschland erreicht. Das ist gut so und muss in politische Veränderungen umgesetzt werden. Leider profitieren Jugendliche davon nicht in gleichem Maße. Obwohl fehlende Chancen dazu führen, dass aus vielen armen Kindern bald arme Jugendliche werden, ist hier die gesellschaftliche Wahrnehmung anders: Jugendliche gelten hier eher als selbstverantwortlich, ihre soziale Benachteiligung daher als selbstverschuldet. Ihnen wird Faulheit, mangelnde Reife, fehlendes Sozialverhalten, oder kriminelle Energie unterstellt.
Als Jugendverbände im Landesjugendring treten wir respektlosen und jugendfeindlichen Sichtweisen entgegen, mit denen Jugendarmut verharmlost, verdrängt, gar gerechtfertigt zu werden droht. Von Armut Betroffene, sozial Benachteiligte junge Menschen sind nicht „selbst schuld“. Armut und Benachteiligung haben vielfältige Ursachen. Dazu gehören persönliche Schock-Erlebnisse, familiäre Lagen, mangelhafte Sozialleistungen, ein nicht mehr ausreichend solidarisches Gesundheitssystem, ausgrenzende Faktoren im Bildungssystem, der Abbau von guten und abgesicherten Ausbildungs- und Arbeitsplätzen. Menschen, denen es besser, geht haben nicht das Recht, über jene leichtfertig zu urteilen, die weniger Glück und Erfolg hatten.
Kinder und Jugendliche müssen als Basis für eine demokratische Gesellschaft der Gegenwart und der Zukunft wieder in den Blick genommen werden. Ein gesellschaftliches Problem wie Kinder- und Jugendarmut ist nicht sicherheitspolitisch, z.B. mit einer Verschärfung des Jugendstrafrechts, zu bekämpfen. Stattdessen brauchen wir mehr Respekt für Kinder und Jugendliche und staatliches und zivilgesellschaftliches Engagement zur Bekämpfung von Jugend- und Kinderarmut.
Was ist Armut? Armut bedeutet nicht nur, weniger Geld zu haben, und sich weniger leisten zu können. Es heißt häufig auch…: • … bei vielen Dingen nicht dabei sein zu können, ausgegrenzt zu sein, weniger Anerkennung und Respekt zu erfahren • … geringere Bildungschancen: Je niedriger das Elterneinkommen ist, desto schwieriger ist es für Kinder und Jugendliche in Deutschland, gute Bildungsabschlüsse zu erzielen. • … gesundheitliche Gefährdung: Je niedriger das Einkommen, desto häufiger werden Menschen im Durchschnitt krank. • Geringere Beteiligung an Freizeit- und Bildungsangeboten von Jugendverbänden, Vereinen etc.
• Armut bei Kindern und Jugendlichen bedeutet nicht nur materielle Armut – die Auswirkungen von Armut sind sehr vielfältig. Armut ist ein materielles, soziales, kulturelles und emotionales Phänomen. • Armen Kindern und Jugendlichen droht darüber hinaus ein Armutskreislauf: Kinder- und Jugendarmut führt über Bildungsarmut zu Einkommensarmut und so erneut zu Kinderarmut.“ • Armut bedeutet soziale Stigmatisierung und Ausgrenzung aus vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Armut von Kindern und Jugendlichen führt zur Vereinsamung und Vereinzelung, da viele Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und Unternehmungen mit Altersgenossen aus finanziellen Gründen wegfallen.
Niemand muss in einer reichen Gesellschaft arm sein. Armut ist vermeidbar… • … mit Sozialleistungen, die Armut effektiv verhindern, gesellschaftliche Teilhabe, Zugang zu Bildung und Gesundheit ermöglichen, und gerecht, effektiv, und ohne „Schikane“ vergeben werden (Forderungen: Angleichung ALG II-Sätze an das Erwachsenenniveau, Erhöhung der Sätze für Bildung und Ernährung, Lehr- und Lernmittelfreiheit) • … mit der Schaffung und dem Erhalt von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen, die Perspektiven und Sicherheit bieten. Mit der Übernahme von Auszubildenden. • … mit guten und fairen Arbeitsbedingungen für alle Erwerbstätigen und mit der Eindämmung von prekärer Beschäftigung und Niedriglöhnen. • … mit einem solidarischen Gesundheitssystem, dass eine gleichwertige Versorgung unabhängig vom Einkommen garantiert, sowie mit besserer Gesundheitserziehung und -Beratung in Bildungseinrichtungen. • … mit einem durchlässigen, offenen und gebührenfreien Bildungssystem und einem offenen Zugang zu Kultur (Forderung: Gebührenfreiheit, integratives statt selektives Schulsystem) • … mit Rahmenbedingungen, welche Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familie für alle Väter und Mütter ermöglichen.
Kursiv gedruckte Textstellen sind Zitate aus dem Beschluss der LJR-Vollversammlung 2008
Ziele und Bausteine
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